Dauerschleife. Eine Aufgabe erledigt, schon liegen fünf weitere am Schreibtisch. Es geht nie zu Ende und das Gefühl von ‘ich habe wieder nichts geschafft’ breitet sich aus. Ist das der Sinn unseres Lebens? Arbeiten, damit wir ‘später’ es mal besser haben und unsere Träume erfüllen dürfen?
Erkennst du dich wieder? Es liegt nicht an dir, wenn du so denkst. Es ist ein systematisches Problem. Am großen ganzen können wir aktuell nicht viel ändern als Einzelperson, aber das eigene System mal gründlich zu prüfen und zu hinterfragen, das geht hier und jetzt los.
Energieräuber
Da wollte ich doch glatt dieselbe Frage stellen, wie im letzten Beitrag (falls du ihn noch nicht gelesen hast, geht es hier entlang). Ich stelle sie trotzdem: Wie viele Selbstorganisationssysteme hast du schon ausprobiert und wieder gehen lassen?
Ich habe ein ganz massives Problem mit diesen Systemen. Zum Einen, weil sie viel zu einheitlich sind und von Personen benutzt werden, die eher linear denken und sich leichter an Systeme anpassen können (oder lassen). Zum Anderen, weil sie nur einem Zweck dienen. Okay, das ist blöd ausgedrückt, weil am Ende alles einem Zweck dient. Damit meine ich, dass die meisten Systeme eher auf Projektarbeit basieren und nicht nicht unbedingt flexibel genug oder nicht holistisch genug.
So habe ich z.B. das Eisenhower-Prinzip sehr schnell über den Haufen geworfen, weil es mich irre gemacht hat mich festzulegen, wie ich diese oder jene Aufgabe bewerte. Heute sehe ich es so, morgen so und am Abend nochmal ganz anders. Ich wollte immer ein System, welches meine Ideen behält und bei Bedarf sofort griffbereit hält. Das kann bei dir natürlich ganz anders aussehen und soll gar nicht die vorhandenen Systeme herunterspielen. Sie haben auch ihre Daseinsberechtigung und trotzdem glaube ich fest daran, dass es wesentlich besser geht.
Aber kommen wir zu den Symptomen, welche sich dadurch entwickeln:
1 – Schuldgefühl
Ich habe es eingangs schon angeteasert und es ist meiner Meinung nach ein ganz fatales Gefühl, wenn man bedenkt, dass unsere täglichen Aufgaben eigentlich dazu dienen sollten, unserer Lebensvision ein Stück näher zu kommen. Hattest du schonmal diesen Gedanken, dass du mehr hättest tun können heute? Oder hast dich schlecht gefühlt, weil du nicht alle ToDo’s geschafft hast?
Ich kenne es nur zu gut, gerade aktuell mit Baby komme ich nicht ansatzweise dahin, wo ich es gerne hätte. Aber weißt du was? Wir dürfen jeden Tag unser Bestes geben und manchmal ist ‘das Beste’ auch einfach nur auf der Couch liegen bleiben, die Ruhe genießen und niemanden schlecht gelaunt anfahren 😉 auch das darf Teil einer Vision sein, denn wir sollten anfangen ALLE Bereiche unseres Lebens zu betrachten und in Einklang zu bringen.
2 – fehlende Nutzung
Jetzt kommen wir zu einem meiner liebsten Sprüche: Ein System ist nur so gut, wie sein Nutzer. Ein fancy Board bringt dir nichts, wenn du deine Daten nicht einträgst. Ein Journal wird dir nicht helfen deine Ziele zu tracken, wenn du es nicht benutzt.
Es bringt dir nichts noch ein weiteres System zu testen, wenn du nicht weißt, was in deinen Workflow passt. Es soll sich am Ende leicht anfühlen und nicht wie ein weiteres ToDo, welches nur darauf wartet abgehakt zu werden. Flexibel, mit Sinn, nicht zu steif.
Linear funktioniert nicht (immer)
Das Problem mit den gängigen Systemen haben wir uns ja nun schon angeschaut. Du kannst auch gerne mal für alle anderen Systeme, die du schon getestet hast eine Liste erstellen, warum es nicht für dich so funktioniert hat, wie du es gerne hättest. Ich für meinen Teil finde das sehr erleuchtend und man kann sich selbst wieder super kennenlernen.
Gerade erst habe ich ein Notionsystem aufgebaut, welches sehr visuell ist, weil ich das für mich brauche. Für eine der Benutzerinnen war es am Ende zu viel, sie wollte lieber eine Liste mit allen Daten, um nicht suchen zu müssen. Mir wäre das wiederum zu viel Input für die Startseite, aber da sieht man genau das Thema, welches ich immer wieder anspreche. Individualität ist der Schlüssel. Und genau das liebe ich so an Notion, denn ein und dasselbe System lässt sich so unterschiedlich darstellen und am Ende hat trotzdem jeder das, was er braucht.
3 – Stress
Und da kommen wir auch schon zum nächsten Anzeichen. Was fühlst du, wenn du an deine Aufgabenlisten denkst? Wenn du an den Kalender denkst, der sich immer weiter füllt und bis zur letzten Sekunde durchgeplant ist ohne Rücksicht auf ungeplante Ereignisse? Die letzten Jahre haben mich regelmäßig aus dem Konzept gebracht. Schicksalsschläge, Diagnosen, Abschiede, Hochwasser. Bei mir gab es immer zwei Wege, damit umzugehen: So heftig in meine Aufgaben stürzen, dass ich alle Emotionen verdrängt habe und sie nach Wochen, Monaten oder erst Jahren auf einen Schlag losgelassen, was teilweise sehr (selbst)zerstörerisch verlief.
Das habe ich mir schon sehr gut abgewöhnt, allerdings bin ich dann in das komplette Gegenteil verfallen und habe allen meinen Gefühle die Oberhand überlassen, wodurch ich wie gelähmt über Wochen da lag und froh war, wenn ich überhaupt morgens aus dem Bett kam. Auch das ist natürlich nicht die Lösung. Dies hat mir aber gezeigt, dass ich meine Aufgaben nicht so planen sollte, dass ich keinen Freiraum mehr habe für solche unvorhersehbaren Wendungen. Das heißt nicht, dass man jederzeit mit schlechten Nachrichten rechnen soll, lediglich, dass wir uns Freiräume schaffen sollten, um ebendiesen Stress entgegen zu wirken und für uns selbst da zu sein. Denn was bringt uns am Ende der Stress wirklich?
4 – Engegefühl
Auch ein Thema womit ich sehr lange zu kämpfen hatte sind fixe Blöcke. Ich arbeite gerne in Blöcken das ist gar nicht das Thema hier. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich, wenn ich lese, dann lese ich. Mir geht es eher darum, dass ich nicht den Kalender öffne und dann steht da ‘Schreiben’ und mein Kopf ist so ‘Wie bitte? Schreiben? Ich höre hier drinnen nur einen summenden Ton daraus können wir ja keinen Roman verfassen. Da braucht es erstmal ne Runde Sport und im Anschluss ab in die Küche, wo ich nicht nachdenken muss’. Kennst du das? Für mich fühlt sich das so unnatürlich an, jeden Monat oder jede Woche gleich oder zumindest ähnlich zu durchlaufen. Ich koche ja nicht mal Rezepte zweimal im Monat (selbst für zweimal im Jahr muss es schon ein sehr gutes Rezept sein).
Genau das ist wieder das Thema mit den Standardsystemen. Sie berufen sich auf Kontinuität, Wiederholung und Rhythmik.
Ja, es gibt Gewohnheiten, die ich täglich machen und ja, ich bin absolute Befürworterin der 1%-Methode nach James Clear und ja, natürlich habe ich regelmäßige Aufgaben, die ich auch sehr gerne tue. Und trotzdem mag ich das nicht an jedem Montag um 8 Uhr machen oder jeden Dienstag zum Schreibtag erklären. Ich habe meine Ziele. Wochenziele. Und wie ich täglich daran arbeite ist meine Sache. Es gibt auch Aufgaben, die ich bestimmten Zyklusphasen gar nicht erst anschaue und andersrum gibt es auch Aufgaben, die ich ausschließlich in einer Zyklusphase ausübe. Es geht darum seine Liste nicht ausarten zu lassen und gleichzeitig im kreativen Flow zu bleiben. Dynamik in der Struktur finden. Das ist DIE Aufgabe.
5 – Unruhe statt Tiefe
Du merkst vermutlich, dass es einige Überschneidungen gibt bei den Symptomen. Auch hier ist das der Fall. Und ganz ehrlich, es wird noch sehr viel mehr Symptome geben, die ich hier auflisten könnte, aber ich bin mir sicher, dass du weißt, was ich dir hier aufzeigen möchte.
Stress und Unruhe würde der eine oder andere vielleicht sogar gleichsetzen. An sich stimme ich dem zu, in diesem Fall möchte ich aber auf etwas anderes hinaus. Mir geht es hier um die Selbstfürsorge. Okay, ja ich gebe zu, dass hat ja auch was mit Stressreduzierung zu tun auch auf gesundheitlicher Ebene ist das ja Selbstfürsorge nicht ständig mit hohem Puls unterwegs zu sein. Egal, was ich sagen möchte ist: Wann hast du dich das letzte Mal gefragt ‘Was brauche ich JETZT wirklich?’.
Eine einfache Frage und doch ist sie gar nicht so leicht zu beantworten, richtig? Weißt du wie oft ich diese Frage mit ‘Ruhe’ oder ‘Bewegung’ beantworte? Eine kleine Frage, die den Fokus neu ausrichtet und uns kurz inne halten lässt in all dem Trubel da draußen. Und dabei geht es nicht darum 5 Minuten lang zu grübeln, was du jetzt brauchen könntest. Es geht um den allerersten Impuls, der schon da ist, noch bevor dein erster Gedanke zu Ende gedacht ist. Dieser Impuls, wenn wir zum Kühlschrank gehen, um uns was zu Essen zu machen noch bevor das Hungergefühl sich meldet oder wo wir schon zum Klo gehen und uns fragen, was wir da eigentlich machen wollten und plötzlich meldet sich die Blase ‘Achja, du solltest mich mal entleeren, drum hab ich dich schonmal in die Richtung geschickt ohne mich zu melden’.
Weißt du was ich meine? Wir sollten wieder tiefer in uns reinhören, denn vorher wird diese Unruhe nicht verschwinden. Und das wird auch nicht morgen schon funktionieren, das ist ein Prozess, den du durchlaufen darfst. Für dich.
Erkennst du dich wieder?
Ich könnte hier noch ewig weiter schreiben (vielleicht eine Idee für ein Buch?), aber jeder Blogartikel sollte mal zum Ende kommen.
Frag dich einfach mal, ob du ein System hast, welches sich flexibel an dich anpasst?
Ja?
– Mega genial und ich freue mich riesig für dich, denn was gibt es bitteschön besseres??
Nein?
– Ich bitte dich einen neuen Weg einzuschlagen und zu überdenken, was du eben gelesen hast. Dein System beginnt bei dir. In deiner Denkweise, deinen Gefühlen, deinen Ideen, deiner Wahrnehmung und deiner Arbeitsweise.
Sei liebevoll mit dir selbst, denn die Systeme, die uns vor die Füße geworfen wurden und werden, sollen keinesfalls dich denken lassen, dass du ‘chaotisch’ wärst oder nicht diszipliniert genug oder oder oder. Sie sind schlichtweg einfach nicht für uns gemacht.


